Kunsthaus Zürich - Das Ende für den “Wow”-Effekt?
Der “Bilbao-Effekt” ist zum festen Begriff der Stadtentwickler und Promotoren geworden. Kaum ein Museums-, Theater- oder sonstiges Kulturprojekt, das sich nicht der Frage stellen muss, ob es durch spektakuläre Bauten von Star-Architekten zum Stadtmarketing beitragen könnte. Gleiches wurde auch für das Kongresshaus am See oder für die Kunsthauserweiterung am Heimplatz gefordert. In einem Interview auf Bloomberg.com spricht David Chipperfield, Gewinner des Wettbewerbs um die Kunsthauserweiterung, vom Ende der Bauten mit dem Wow!-Effekt: Das ikonische Bauen der Stararchitekten könnte zum Kollateralschaden der Finanzkrise werden.
Das silbrig glänzende, organisch verspielte Guggenheim Museum in Bilbao steht für ein neues Verständnis von Museumsarchitektur: Die Architektur als begehbare Skulptur ist selbst ein Kunstwerk und hat sich von ihrem Inhalt emanzipiert. Zugleich behauptet Guggenheim Bilbao eine moderne “Corporate Identity” für eine Industriemetropole im Wandel. Die Stadt ist Profiteur des Neubaus.
Aber auch den Städten (wie den Bauherren grosser Museen oder Kongresshäusern) wird das Geld dafür in Zukunft fehlen. Ein Schaden muss das allerdings nicht in jedem Fall sein, schreibt Gerhard Matzig in der Süddeutschen Zeitung. Die extrem teuren Vorzeigebauwerke seien zumeist autistischer Natur. “Sie fühlen sich keiner Geschichte und keinem Ort verpflichtet”, so Matzig. Sie könnten selten in Würde altern und seien wegen ihrer hochspezifischen, möglichst skulptural wirksamen Architektur auch nicht umnutzbar. “Es sind Dinosaurier - vom Aussterben bedroht. Wenn das zugunsten eines alltagstauglicheren Bauens geschieht, vollzieht sich nichts anderes als die Evolution am Bau. Die Spektakel, Schauwerte und Superlative wären dann letztlich nur eines: zu schwach.”
Eher verborgene Reize
In seinem Interview (bloomberg.com) sagt auch David Chipperfield - als Folge der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise - das Ende der “Architektur mit dem Wow!-Effekt” voraus. “It’s an architecture of excess, a consequence of there being too much money around. At a time when people are worried about other things, those things become really irritating, and probably less relevant. So I think we will see a mood shift - a certain sensibility coming back.”
Eher verborgene Reize erkennen die Kritiker denn auch am Entwurf von David Chipperfield für die Zürcher Kunsthaus-Erweiterung. Die einen sprechen von klassische Gediegenheit und vornehmer Zurückhaltung. Andere von verpasster Chance - auch im Hinblick auf die eingangs erwähnten Marketingeffekte für die Stadt Zürich.
Im Hinblick auf eine (oder gar mehrere) notwendige Volksabstimmungen zum Kunsthaus-Projekt lässt sich darüber streiten, was beim Souverän mehr Erfolg haben wird. Der Wow-Effekt oder das eher unspektakuläre, alltagstaugliche Bauen. Wie schätzen Sie die Zürcher ein?
Sie müssen diese Frage nicht unbedingt rhetorisch verstehen.






Viel wichtiger als das “Nachher” scheint mir in Zürich das “Vorher” zu sein: Landesmuseum, Kunsthaus, Kongresshaus, immer entzündete sich der Streit primär am Erhalt des Vorbestehenden. Ob ikonisches Architainment oder zurückhaltender Funktionalismus, das scheint mir auch eine Frage des Ortes und der Bedeutung zu sein: Ein Kongresshaus am See darf ein “Landmark” sein, eine Erweiterung des Landesmuseums hinter dem historischen Gebäude oder eine Kunsthauserweiterung am dicht gedrängten Heimplatz, dort ist eher Zurückhaltung angesagt. Also, um die im Beitrag gestellte Frage zu beantworten: Es kommt darauf an!
Die Analyse der Kongresshaus-Abstimmung ergab, dass sich die Gegner vor allem an der Architektur des Moneo-Projektes störten (der Erhalt des Haefeli-Moser-Steiger-Baus spielte wohl nur eine untergeordnete Rolle).
Unklar ist jedoch: War das Projekt in den Augen der Bevölkerung zu wenig “Spitzen-Architektur” oder zu sehr Spektakel? sollte gerade diese “Landmark”- Eigenschaft verhindert werden? Wäre letzteres gar eine typisch zürcherische Eigenschaft?
Die Kontroverse um den Entwurf von David Chipperfield für die Zürcher Kunsthauserweiterung wird heute im «Tages-Anzeiger» weitergeführt. Das Interview mit Stadtbaumeister Franz Eberhard ist leider nur in der Printausgabe nachzulesen.
Ich denke, sowohl das Kongresshaus als auch die Kunsthauserweiterung sind deshalb problematisch weil die Architektur sich zu sehr abtrennt vom Umfeld. Ein neues Kongresshaus wäre sicher nett gewesen aber der Standort war ziemlich unüberlegt. Die Stadt Zürich ist ziemlich stolz darauf dass sie wächst, auch architektonish in den Norden und vor allem im Westen. Warum also nicht das neue Kongresshaus und das Kunsthaus an der Pfingstweidstrasse oder in Stettbach bauen. Das wäre gleichzeitig ein Bekenntnis zu der Qualität dieser neuen Stadtteile wie ihre Aufwertung als Kulturmeilen. Auch gibt es hier weniger Bestand auf dem man Rücksicht nehmen muss und die Architekten hätten kühne Träume entfalten lassen können die in der Zürcher Innenstadt schlicht undenkbar gewesen wären. Gegen solche Projekte hätte es garantiert auch kaum Einsprachen gegeben. Aber die Stadt ist scheinbar immer noch nicht aus der Denke des 19ten Jahrhunderts hinausgebrochen dass alles was Rang und Name
hat innerhalb Sichtweite des Grossmünsters gebaut werden muss.
Das sehe ich etwas anders. Sicher ist Qualität auch in den neuen Stadtteilen gefragt und auch Kultur und öffentliche Bauten sollen dort ihren Platz haben (was in Zürich West auch der Fall ist). Das kann aber nicht bedeuten, dass die Innenstadt - aus Rücksicht auf den Bestand, wie Sie schreiben - sich nicht weiterentwickeln kann.