Endlich aufhören von Dichte zu sprechen
Seit diesem Jahr erscheint meine Kolumne regelmässig im Fachmagazin Modulor.
Alle reden von Zersiedelung, viele beklagen sie. In der Schweiz wird jede Sekunde ein Quadratmeter Boden zugebaut. Allein zwischen 1951 und 2002 hat sich die Siedlungsfläche verdoppelt. Stärkster bremsender Faktor für die Zersiedelung wäre eine Erhöhung der Ausnützungsdichte. Soweit so einleuchtend. Aber was fällt Ihnen zum Begriff „dicht“ ein? Enge? wenig Platz? kein Durchkommen? Fahren Sie gerne in dicht besetzten öffentlichen Verkehrsmitteln? Würden Sie gerne in dicht besiedelten Räumen wohnen? Denken Sie, wenn Sie „städtisch verdichten“ lesen auch eher an zubetonieren, als an Lebensqualität? Zersiedelung mit Verdichtung bekämpfen, bedeutet so gesehen, das eine Übel durch ein noch viel schlimmeres anderes zu ersetzen.
Ein Übel ersetzt das an andere
Und so ist es verständlich, wenn sich die Bevölkerung gegen „Verdichtung“ wehrt. Aktuelles Beispiel: Die Vergrösserung der ETH im Zentrum der Stadt Zürich. Lieber sähen die Gegner einen Ausbau des Campus auf dem Hönggerberg, fern der Innenstadt. Auch unsere Baugesetze versuchen Dichte eher zu verhindern, als dass sie sie fördern. § 284 der Zürcher Hochhausrichtlinie zum Beispiel besagt: „Die Ausnützung (…durch Hochhäuser) darf nicht grösser als bei einer gewöhnlichen Überbauung sein; eine Ausnahme ist ausgeschlossen.“ Und weiter: „Der Anreiz heute ein Hochhaus zu bauen, liegt bei der Zeichensetzung und nicht bei der zusätzlichen Ausnützung.“ In den Zentren – dort wo Dichte am meisten Sinn macht – ist aufgrund unserer Zonenordnung kaum mehr Verdichtung möglich – und wo es trotzdem versucht wird, ist der Widerstand hartnäckig. Stattdessen entstehen hoch verdichtete Siedlungen am Stadtrand. Und diese tragen wenig dazu bei, unser Bild der verdichteten Stadt ins Positive zu wenden.
Hätten sich die Bewohner New Yorks im letzten Jahrhundert gleich verhalten, würden die Hochhäuser heute nicht in Manhattan, sondern in den Vorstädten der Bronx oder in Brooklyn stehen. New York wäre wirtschaftlich und kulturell nicht dort, wo es heute steht. Denn erst die Dichte hat diesen Aufstieg zur Weltstadt überhaupt möglich gemacht. Aber New York ist nicht Vorbild für unsere Städte – und ich sollte endlich aufhören von Dichte zu sprechen.
Städte beleben
Dichte ist ein physikalischer Begriff. Dazu geschaffen, Zustände in unserer Umwelt wissenschaftlich korrekt und präzise zu beschreiben. Aber vollständig ungeeignet, um damit weite Kreise der Bevölkerung für städtebauliche Konzepte zu begeistern. Dazu müssen wir eine Sprache wählen, die Wissenschaft durch Emotionen ersetzt.
Wo würden Sie lieber wohnen, in einem verdichteten oder in einem belebten Stadtteil? Hätte Sie etwas dagegen, wenn man zum Beispiel die Zürcher Innenstadt rund um den Paradedeplatz beleben würde? Waren Sie schon mal unterwegs, nach Büroschluss oder an einem Sonntag, im Gebiet zwischen Paradeplatz und Bahnhof Enge? Die Stadt ist wie ausgestorben! Und das an einer der attraktivsten und teuersten Lagen mitten im Zentrum. Die heutige Bau- und Zonenordnung verhindert hier eine Verdichtung fast vollständig. Wie wäre es aber mit einer Belebung? Stellen Sie sich einmal vor, sämtliche Bauten, viele stammen aus den 50er und 60er Jahren, könnten aufgestockt werden. Um die doppelte Höhe auf 50 Meter. Das entspricht ungefähr dem Hochhaus zur Palme, das bereits dort steht. Unten Büros, oben Wohnungen. Sicher keine günstigen Wohnungen, die Lage mitten in der Stadt hat seinen Preis.
Aber stellen Sie sich vor, wie mit den Bewohnern aus den neuen Obergeschossen Läden und Restaurants in den Stadtteil ziehen. Wie die Bahnhofstrasse und die Plätze auch abends belebt wären. Nur belebte Stadtteile schaffen wieder Nachfrage nach öffentlichen Erdgeschossflächen und produzieren urbane, qualitätsvolle Räume.
Sprechen wir also von Vielfalt, Möglichkeiten, Auswahl, und Öffnung. Sind Sie nicht auch der Meinung, dass eine Belebung der Innenstädte dringend nötig ist? Und hätten Sie etwas dagegen, in einem belebten Quartier zu wohnen?




