Auftrag zur Verunsicherung
Würden Sie ein Auto kaufen, das mit perfekter Technik und Zuverlässigkeit wirbt und als besondere Qualität Ihnen, per Bord Computer, ab und zu provozierende Fragen stellt, wie zum Beispiel: Gibt es heute ein ähnlich grosser Irrtum wie die Vorstellung der Welt als Platte? Ich nicht, auch wenn mir der Autohändler weismachen will, dass hinter diesen Fragen ein künstlerisches Konzept steckt. Noch absurder wäre die Vorstellung, irgendjemand würde den Herstellern vorschreiben, künftig alle Autos mit diesem künstlerischen Mehrwert auszurüsten. Aber genau in diesem Dilemma steckt das Zürcher Tiefbau- und Entsorgungsdepartement.
Das Zürcher Tiefbau- und Entsorgungsdepartement ist zuständig für reibungslos funktionierende Infrastrukturen. Weit über 100 Baustellen zählte die prosperierende Stadt im letzten Jahr. Keiner mag sie, wenn auch die Mehrheit einsieht, dass es nicht ohne geht. Gehen wir einmal davon aus, dass die Männer und Frauen vom Amt alles tun, um die notwendigen Arbeiten zuverlässig zu erledigen und auch alles versuchen, ihre Massnahmen der Bevölkerung möglichst verständlich zu kommunizieren. Das ist eine lösbare Aufgabe.
Ab jetzt wird’s anspruchsvoll: dasselbe Departement ist nämlich auch zuständig für die Kunst in der Stadt. Und so muss es erklären, dass es beabsichtigt einen alten Hafenkran an die Limmat zu stellen, und dass die dafür notwendigen 600’000 Franken gut investiert sind! Dabei geht es nicht mehr darum, möglichst reibungslos, zweckmässig und rational zu agieren. Ganz im Gegenteil. Die städtische Arbeit soll nun provozieren und Fragen stellen – „Sind Sie weltoffen?“ Wen wundert es, wenn die Amtsträger heftigere Reaktionen bei der Bevölkerung auslösen, als die Kunstwerke selber. Der Unternehmensberater würde dem oben genannten Autohersteller raten, auf seine künstlerische Sonderausstattung zu verzichten. Gleiches möchte man dem betreffenden Departement empfehlen. Bloss da hat man sich auf die Situation eingestelllt und eigens eine spezielle Arbeitsgruppe gegründet, die ihr amtliches Kürzel KiöR (für Kunst im öffentlichen Raum) so stolz trägt, wie Don Quijote seine Lanze.
Die Arbeitsgruppe KiöR nennt ihre selbstgestellte Aufgabe eine Herausforderung. Ich würde es als Widerspruch in sich selbst bezeichnen. Um den Einsatz von Steuergeldern zu rechtfertigen, wird die Kunst in die Pflicht genommen. Ein umfangreiches Anforderungsprofil gibt vor, was die Kunst zu leisten hat: Städtebauliche Fragen klären, Identität stiften, Bewusstsein und Weltoffenheit vermitteln und nicht zuletzt soll Kunst ein wichtiger Beitrag zum Standortmarketing leisten. Das kann nicht gut kommen.
Ein Flugzeugträger am Limmatquai
Angesichts der hohen Ansprüche, sind die konkreten Resultate ernüchternd. So hatten Befürworter des Nagelhauses am Zürcher Escher-Wyss-Platz argumentiert, der Kunst- und Qualitätsanspruch des Projekts sei allein schon dadurch belegt, dass es kontrovers diskutiert werde. Ähnlich ergeht es dem Hafenkran am Limmatquai. Die Diskussion, soweit sie elitäre Kreise überhaupt verlassen hat, ist in weiten Teilen substanzlos geblieben. Einer der Höhepunkte (in welcher Form auch immer…) bildete eine schriftliche Anfrage im Zürcher Gemeinderat mit dem Vorschlag, neben dem Hafenkran einen Flugzeugträger als weiteren Teil dieser Kunstaktion zu verankern. Schon fast als Kunstbeitrag ist die stadträtliche Antwort vom zu betrachten: “Ein Flugzeugträger am Limmatquai wäre mit Sicherheit ein spektakulärer Fund für die Archäologie der Zukunft. Diese fördert Zeugnisse der Vergangenheit zutage, welche bei aufmerksamer Betrachtung als Vorboten der Zukunft zu erkennen sind. So werden der Hafenkran, die Poller und das Schiffshorn entdeckt werden. Ein Flugzeugträger gehört nun aber nicht zu einem friedlichen Handelshafen, sondern zu einem Marinestützpunkt. Zürich hat noch nie einen Kriegshafen benötigt, und das wird hoffentlich auch in Zukunft so bleiben. Auf die weitere Suche nach einem Flugzeugträger wird darum verzichtet.”
Kunst unter diesen Bedingungen wird zur Plattform für einen beliebigen Schweif von Assoziationen und abstrakten Versprechen, die konkret wenig bewirken. Ausser dass ein Amt seine Glaubwürdigkeit verliert.
Erschienen im Architekturmagazin Modulor 6/2011




