Schweizer wählen Architekten
In der Schweiz gab es einmal eine Bauernpartei – aus der die SVP hervorging. Noch heute ist jeder achte Parlamentarier in der Landwirtschaft tätig. Deshalb steht auch kaum ein Wirtschaftssektor derart im Rampenlicht der Politik. Es gibt auch keinen anderen, der über ein eigenes Bundesamt verfügt. Im Jahr 1996 nahmen Volk und Stände einen Landwirtschaftsartikel in die Verfassung auf. Danach hat der Bund dafür zu sorgen, dass die Landwirtschaft einen wesentlichen Beitrag leistet zur sicheren Versorgung der Bevölkerung, Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen und Pflege der Kulturlandschaft. Diese Leistungen werden mit Direktzahlungen von jährlich rund 2.5 Mia. Franken abgegolten.
Der Schweizerische Lebensraum ist allerdings primär ein städtischer auch wenn wir unser Land noch immer als wildromantisches Berg- und Landwirtschaftsland wahrnehmen und auf Postkarten und Werbevideos festhalten. Rund drei Viertel der Schweizer Bevölkerung wohnen in städtischen Gebieten. Und hier liegen auch die eigentlichen Herausforderungen. Klimaschutz, Mobilität, Bevölkerungswachstum. Der Schutz der Landschaft beginnt bei der Planung unserer Städte. Kaum ein Berufsstand ist auf diesem Aufgabenfeld so gefordert, aber auch so kompetent wie Architekten, Stadtplaner, Landschafts- und Innenarchitekten.
Bloss – wo sind die Architekten? In der Schweiz gab und gibt es keine Architektenpartei. Im Nationalrat sitzen rund zehnmal weniger Architekten als Bauern. Nicht besser sieht es in den städtischen Parlamenten aus: im Zürcher Gemeinderat gibt es drei Architekten, im Basler Grossen Rat gerade noch einen und in Bern gibt keiner der Ratmitglieder an, sich beruflich mit Architektur zu befassen. Deshalb erhalten Architekten in der Schweiz auch keine Direktzahlungen für ihren wesentlichen Beitrag zur Erhaltung und Pflege des schweizerischen Lebensraums.
Stumme Gilde
Mindest eine Gemeinsamkeit zeichnet Bauern und Architekten aus: Beide arbeiten auch an Wochenenden. Nur finden Bauern trotzdem Zeit, sich politisch zu engagieren. Anders die Architekten. Kanäle wären zwar da, werden aber kaum genutzt. Den Blog der Zeitschrift Hochparterre lesen rund 4000 Personen täglich, das ist beachtlich. Die Anläufe Diskussionen zu entfachen, scheitern jedoch immer wieder kläglich. Wenn sich zum geplanten Roche-Turm fünf Leser mit kritischen Kommentaren melden, macht die Redaktion den Schampus auf, wie sie selber schreibt. Aus politischen Prozessen haben sich die Architekten, mit ein paar wenigen Ausnahmen, fast gänzlich verabschiedet. Dies ist umso erstaunlicher, da immer häufiger politische Entscheide das Schicksal von Projekten bestimmen. Und wenn architektonische Debatten stattfinden, dann häufig im Feuilleton. Anders als die Bauern haben Architekten ihre Sprache noch nicht gefunden, die auch in der breiten Bevölkerung verstanden wird. Dabei wären sie entschieden im Vorteil: Architekten können mit Bildern kommunizieren und Emotionen wecken. Architekten können Geschichten erzählen, die – im Gegensatz zu abstrakten Aussagen – haften bleiben.
Architekten müssen sich in die Gesellschaft und Politik hineinbewegen, in Erörterungs-, Beratungs- und Entscheidungsgremien sowie Institutionen. Sie dürfen nicht warten, bis sie von Medien, Parteien oder Interessengruppen gefragt werden. Letztes Wochenende habe ich Architekten gewählt – Sie auch?



